Rede von Jovica Stević am 23. September 2007 in Sindelfingen

Liebe Freunde, liebe Landsleute, liebe Donauschwaben,

Ich heiße Jovica Stević. Ich komme aus Hessendorf, das ist ein Vorort der Stadt Syrmisch Mitrowitz, (Sremska Mitrovica) in der Woiwodina, in der Ihre Vorfahren viele Jahre gelebt haben. Das ist das Gebiet von Syrmien (Srem), Banat und der Batschka.

Wieso bin ich als jüngerer Serbe hier bei Euch im Herzen der donauschwäbischen Welt? Das ist eine Frage, die auch ich mir manchmal stelle.

Es begann alles im Jahr 1997, als ich Mitglied im Vorstand des Fußballklubs “Radnički” (auf deutsch Arbeitersportverein”) in Syrmisch Mitrowitz (Sremska Mitrovica) wurde. Dieser Klub, wurde von den fast 3000 Deutschen aus Hessendorf (serbisch Hesna) gegründet, Mitrowitz selbst, als Stadt, hatte damals etwa 10.000 Einwohner insgesamt. Sehr bald wurde ich auch zum Präsidenten vom FC Radnički gewählt.

Im Hinblick auf die 80-jährige Geschichte von Radnički, die wir im Jahr 2002 gefeiert haben, habe ich schon 1997 begonnen, die Geschichte des Klubs zu erforschen, mit der Absicht, dies in einem Buch zu veröffentlichen. So habe ich zum Beispiel erfahren, dass der von den Deutschen aus der Hesna gegründete Klub sehr gut organisiert und sehr gut geleitet wurde, und das Fußballspielen allein durch die deutsche Spielweise überall erkennbar war, wovon ich begeistert und fasziniert war. Von 11 Spielern der Mannschaft des FC Radnički im Jahre 1939 waren 9 Deutsche. Spieler, wie z.B., Kuhn, Mayer, Konrad, Weinmüller, Hornung, Barth, Möller, Rumpf u.a. Diese sind durch ihre Spielart, Dribblings u.s.w. noch immer in Erinnerung und ein Thema in Fußball- Gesprächen über Fußball in der Hesna und in Mitrowitz.

Das Stadion des Radnički befindet sich neben der alten Seidenfabrik, der so genannten “Svilara” (der Seidenfabrik), heute ist dort eine Möbelfabrik. Während der Erdarbeiten bei der Rasen-Ausbesserung im Fußballstadion wurden viele Knochen von Menschen gefunden. Wir alle im Klub haben uns gefragt: Was ist das? Bei weiteren Abrissarbeiten auf dem Dachboden wurden Holzbalken mit Hunderten eingeritzten deutschen Namen gefunden.

Von einigen der ältesten Mitgliedern des Klubs wurde uns dann erzählt, dass in der Seidenfabrik, der “Svilara” ein berüchtigtes Vernichtungslager für Deutsche aus Srem, der Batschka, des Banats aber auch aus Slawonien und einigen Orten Kroatiens eingerichtet war. Viele starben wegen Hunger, Krankheiten, Kälte aber auch durch Tötung und Folter. Es starben viele deutsche Kinder, Frauen und alte Leute. “Viele Menschen der deutschen Minderheit wurden Todesopfer dieses Vernichtungslagers in der “Svilara” in Mitrowitz. Sie wurden in Massengräber auf dem Gelände des heutigen Sportplatzes von Radnički oder auch zum Teil in dem 200 Meter entfernten jüdischen Friedhof begraben

Jeden Tag haben wir eine neue traurige Geschichte über das Leiden der Donauschwaben aus dieser Zeit gehört.

Ich, als jüngerer Serbe, fragte mich öfters: Was ist mit den vielen Deutschen geschehen? Es gab viele Fragen, aber zu wenig oder gar keine Antworten.

Alles wurde geheim gehalten und die Leute, die etwas darüber wussten, wollten nicht darüber sprechen oder sprachen aus Angst um ihr eigenes Leben nicht darüber. Das ist auch heutzutage noch so! Dies wurde auch im Buch “Preovladavanje prošlosti u Vojvodini” - “Vergangenheitsbewältigung in der Wojwodina von Universitätsprofessor Dr. Vladimir Ilić aus Beograd so festgestellt’. Professor Ilić besuchte mehrere Dörfer in der Wojwodina und sprach mit den Dorfbewohner, um zu erfahren, wie die Leute über das Leiden, besser gesagt die Verfolgung der Deutschen denken und was sie darüber wissen. Das Schicksal und der Leidensweg der Deutschen war ja als Gesprächsthema ein Tabu.

Die Deutschen waren an allem schuld und sie waren die ärgsten! Dies war die offiziele Politik des kommunistischen Regimes in Jugoslawien den Deutschen gegenüber nach dem Krieg. Schon als Kind hörte ich auch eine andere Version von meiner Mutter, wo die Deutschen jedenfalls nicht im schlechtesten Licht dargestellt wurden. Während des Krieges wohnten deutsche Soldaten auch in unserem Haus, in meinem Geburtsdorf Martinci (bei Mitrovica). Manchmal kauften sie von uns Lebensmittel, wie Eier, Speck und bezahlten alles korrekt.

Bemerken möchte ich noch, dass auch heute, 60 Jahre nach dem Genozid über die Deutschen in Jugoslawien, noch immer in vielen Dörfern und Städten Verbrecher und Mörder, Wächter und Kommandanten leben, die in Lagern töteten und unschuldige deutsche Kinder, Frauen und Männer folterten. Es waren junge Partisanen und Partisaninnen die von ihren alten kommunistischen Mentoren zu schrecklichen Verbrechen und Morden losgelassen wurden. Viele von Ihnen leben auch heute noch ruhig und frei in den Dörfern der Wojwodina. Man kennt sie und ihre Verbrechen. Einer von diesen, der im Buch: “Die Peitsche des Tito-Kommissars” von Traude Müller-Wlossak, (aus Kemel, heute Kljajićevo) oftgenannte “Drago” geht heute noch in Mitrowitz frei spazieren. Die Gesetze und Gerechtigkeit für diese Leute und ihre Taten in der Vergangenheit haben die Anwendung bis heute noch nicht gefunden.

In meinem Buch über den Klub Radnički habe ich vieles über die Deutschen in der Hesna geschrieben, wie zum Beispiel, über die Ansiedlung der Deutschen in der Wojwodina, und die deutschen Familien in der Hesna und so weiter. Da habe ich versucht, alle Tugenden und Errungenschaften der Donauschwaben darzustellen und zu erläutern, welche wichtige Rolle eine Minderheit für das multikulturelle Leben in der Wojwodina spielen kann. All das zusammen führte dazu, dass ich heute hier bei Euch bin.
Es ist mir eine Ehre und gibt mir Zufriedenheit, dass ich heute bei Euch hier in Sindelfingen, im Zentrum der Donauschwaben bin. Die Begegnung mit Euch macht mich glücklich. Neue Bekanntschaften und Freundschaften mit euch zeigen mir neue Horizonte in ihrer Vergangenheit, Gegenwart und für Pläne in Zukunft. Jede neue Geschichte über das Leben und Leiden der Deutschen im kommunistisch geprägten Jugoslawien gibt mir die Kraft für meine weitere Aktivitäten und Bemühungen um die verbreiteten einseitigen Unwahrheiten über die Deutschen in Jugoslawien, zu zerstören bzw. zu beseitigen.

Nur die echte Wahrheit über das Geschehen im zweiten Weltkrieg und nach dem Krieg in Ex-Jugoslawien kann zu einer wahren Versöhnung zwischen Deutschen und Serben entscheidend beitragen. Nur die echte Wahrheit ist ein Fundament für weitere Aktivitäten in beiden Richtungen.

Die Errichtung von Denkmäler, besonders dort wo die sterblichen überreste von deutschen Todesopfern, damit auch von Donauschwaben, zu finden sind, ist eine Aufgabe von größten Priorität für uns.

Es ist der letzte Moment für die übrig gebliebenen Donauschwaben den Familienmitgliedern, Freunden und Landsleuten, die beim Einmarsch der Partisanen und Russen in die deutsche Dörfer und Städte der Wojwodina keine überlebenschance hatten, die letzte Ehre zu erweisen. Damit wird der fast über 60 Jahren dauernden Wunsch den überlebenden in Erfüllung gehen. Dies ist Aufgabe und Pflicht für alle jüngeren Generationen der Donauschwaben und allen Bürgern der Wojwodina.

Mit Zufriedenheit kann ich ihnen berichten, dass man die Bedingungen für die Errichtung von Denkmalen, für Donauschwaben langsam lockert, wie zum Beispiel in der Stadt Sremska Mitrovica. Hier haben die Stadtbehörden erlaubt, ein Ehrenmal für die ermordeten Deutschen im Lager Svilara zu errichten.

Es gibt aber auch in manchen Orten noch Schwierigkeiten, die man als die Folge der über 50 Jahre dauernden kommunistischen Propaganda, die Unwahrheiten über die deutsche Minderheit verbreitete, betrachten muss und was schnell beseitigt werden sollte.

Aber, liebe Freunde, machen sie sich keine Sorgen, die jüngeren Generationen, die jetzt in der Wojwodina an die Macht kommen, sind nicht mit der Vergangenheit so belastet, sondern sehen die Zukunft der Wojwodina in Europa, wo Deutschland bekanntlich eine wichtige Rolle spielt. Die alten Generationen, besser gesagt hartnäckige Kommunisten und Nationalisten, verlassen langsam aber endgültig die Bühne der Macht und überlassen sie freiwillig oder nicht freiwillig an die jüngeren Generationen. Diesen Prozess kann man nicht mehr aufhalten oder umdrehen.

Ein schönes Erlebnis hatten wir im April dieses Jahres. Zum ersten Mal, nach über 60 Jahren, hat man in der Wojwodina öffentlich getanzt und gesungen, und zwar auf Deutsch. Nämlich, in Sombor und Batschka Palanka wurden zwei Musikaufführungen durch die Folkloregruppe der Donauschwaben Speyer aus der Pfalz veranstaltet. Es wurde gesungen, gespielt, und auch geweint, weil für die kleine Zahl der Deutschen, die immer noch in der Wojwodina lebt, dieses Ereignis von historischer Bedeutung war.

Schließlich möchte ich mich bei meinen Freunden, die meine Reise nach Österreich und Deutschland ermöglicht haben, herzlich bedanken.

Ich sage Dank, dem Herrn Andreas Müller und der Ana Weiss, seiner Schwester, geboren in Tschalma bei Mitrowitz, bei denen ich mich während des Besuchs in Deutschland aufhalte. Ich sage Dank, auch dem Josef und der Eva Frach aus Braunau in Österreich, geboren in Novi Slankamen (Neusaltzstein) und Indjija.

Besonderen Dank schulde ich dem Hans Supritz, geboren in Batschka Palanka für die starke Unterstützung und die gemeinsame Arbeit.

Ich als Serbe aus der Wojwodina, möchte von dieser Stelle, alle Donauschwaben in der Welt grüssen. Ich wünsche ihnen ein langes Leben, gute Gesundheit und dass wir uns öfter in der Wojwodina, ihrer ehemaligen Heimat, treffen.

Ich grüsse auch die jüngeren Generationen der Donauschwaben, die nicht in der Wojwodina geboren wurden. Ich, der 1966 geboren wurde, hatte Gelegenheit, viele von denen kennen zu lernen, während sie mit ihren Eltern die Wojwodina besucht haben.

Die Bekanntschaft mit der alten Generation der Donauschwaben, die in der Wojwodina geboren wurden, und mit der jüngeren Generation gibt mir die Möglichkeit, und ich wünsche es mir, Bindeglied, auch in Zukunft zwischen den Generationen zu sein. So bleiben die Tugenden, Errungenschaften und die echte Wahrheit über die Donauschwaben erhalten und werden auf die Jüngeren übertragen. DANKE!

Dipl.-Ing. Jovica Stevic
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