Gedenkandacht Kaasgraben 6. November 2005

Worte von Ferdinand Weber zur Gedenkandacht am 6. November 2005 in der Wallfahrtskirche “Maria Schmerzen” Kaasgraben, 1190 Wien

Liebe Landsleute, liebe Donauschwaben und Freunde!

“Dies irae, dies illa!” So beginnt in der vorkonziliaren Allerseelen-Messe der Zwischengesang. Tag der Rache! Doch halten wir inne! Ist es in der Tat ein Rachesehnen, das wir im Herzen tragen, oder eröffnet uns die Zeit des Totengedenkens nicht ein befriedigendes Gefühl des gemeinsamen Erinnerns und der Liebe?

In unserer Gesellschaft nimmt die Lust irgendetwas zu feiern in erschreckendem Maße zu. Bisweilen hat man das Gefühl, es würden in vielen Fällen sogar Anlaßspender erfunden werden, weil es an sinnvollen Feiergründen mangelt. Und so feiern wir uns halt in eine gedankenlose, gesellschaftliche Belanglosigkeit. Heuer feiert die Republik Österreich, heuer feiern seine Menschen - je nach Identifikation und Ausrichtung: 60 Jahre - Kriegsende, 50 Jahre - Staatsvertrag!

Doch, liebe Landsleute, liebe Brüder, liebe Schwestern, außer den genannten Anlaßgründen -was bewegt uns Donauschwaben und hält uns wie eine eiserne Klammer umfaßt? Wer nennt die Anlässe und schreit die Gräueltaten in die Welt hinaus, die vor Jahrzehnten in einer Kaskade des Schreckens über uns hereingebrochen sind? Wir hören nichts darüber! Sind wir taub, oder sind die, die es wissen, etwa stumm? Oder vergißt man etwa aus ideologischen, gesellschaftspolitischen und zeitgeistigen Motiven ein Volk, das satanische Schergen wie Horrorfiguren aus der Apokalypse mit blutiger Faust zermalmt haben? Angesichts dieser perfekten Verschweigenskultur fragen wir uns: Ist es eigentlich legitim, uns dieser Ereignisse überhaupt noch zu erinnern, uns Horrorszenarien ins Gedächtnis zu rufen, in deren Verlauf unsere Landsleute gefoltert, gemordet, in Lager verschleppt worden sind, in deren Folge ein ganzes Volk zerrissen und seiner Heimat beraubt worden ist?

Die Frage steht also: Ist es legitim zu gedenken und zu trauern? Nein! Es ist nicht nur legitim, sondern es ist unsere Pflicht, unsere Hände auf dieses Unrecht zu legen und all den Gemordeten, unseren geliebten Angehörigen, Verwandten, Freunden, Bekannten und Unbekannten eine Stimme zu geben, ja unsere Stimme zu leihen, weil sie selbst keine mehr haben. Sie haben keine Lobby, die hinter ihnen steht, sie haben keine Historiker, die ihren Leidensweg nachzeichnen. Sie ruhen allein in fremder Erde, verscharrt in namenlosen Massengräbern, vergessen - als Schuldige gebrandmarkt! Aber sie haben uns. Wir geben ihnen unsere Zungen und unsere Herzen. Wir schulden ihnen unser Mitgefühl, unsere Gedanken und unsere Treue!

Donauschwaben! Ein bemerkenswertes Volk, das sich aus den politischen, militärischen und gesellschaftlichen Wirrnissen eines zerrissenen Europas aus vielerlei Ethnien, aus allen Ländern Europas in der pannonischen Ebene angesiedelt hat: aus Franken, der Pfalz, aus Bayern, Baden-Württemberg, aus Tirol, dem Sudetenland, aus dem Schwarzwald, aus Elsaß-Lothringen, Sachsen, der Slowakei und aus anderen Regionen. Und die gemeinsame Besiedlung, die gemeinsame Not, der erduldete Hunger, die Seuchen, das Elend und die gemeinsam bewältigten Aufgaben brachten das Wunder zustande, aus all den Nationen ein Volk zu bilden und zusammenzuschweißen.

Und jetzt stellt sich die Frage: Wer waren wohl die ersten Europäer auf dem Kontinent? Waren es die Bewohner der Nationalstaaten, war es die EU? Nein! Es waren die Donauschwaben, die den europäischen Gedanken bereits vor 250 Jahren entwickelt und konfliktfrei verwirklicht

haben. Die Donauschwaben waren die ersten Europäer, die Jahrhunderte vor Gründung der EU der Welt vorgelebt haben, was Völkerverständigung und Toleranz bedeuten.

Doch seit dem Jahr 1941 bohrte sich ein glühender Pfahl in das Land und in das Fleisch unseres Volkes, der weltanschauliche Dispositionen und Standpunkte markierte und das Leben in der Heimat vergiftete.

  • Wir erinnern uns mit Grausen und Abscheu an den blutigen Herbst 1944, als Zehntausende von entmenschten Tito-Partisanen grausam ermordet wurden. Wir schreien zum Himmel: “Väter, Großväter, Brüder, Mütter, hört Ihr uns? Wir sind bei Euch, jetzt in der Stunde Eures qualvollen Todes, als Ihr - den Blick zum Himmel gerichtet - abgeschlachtet und in die Mordgruben geworfen wurdet. - Unsere Gedanken und unser Mitleid gehören Euch!”

  • Wir erinnern uns an die Tausenden junger Menschen, die zur Weihnachtszeit wie schlachtreife Rinder in Viehwaggons gepfercht und nach Rußland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. Wir schreien zum Himmel: “Mütter, Brüder, Schwestern, wir gedenken Eurer Leiden und wir gedenken jener, für die kein Platz mehr unter der Sonne war und die in Massengräbern verscharrt in russischer Erde ruhen!”

  • Wir erinnern uns an die Zehntausende, die in Arbeitslager und Vernichtungslager verschleppt wurden. Wir schreien zum Himmel: “Wir gedenken Euer in Ehrfurcht, die Ihr die Lager nicht überlebt habt, und wir stehen vor den vielen Großeltern und alten Leuten in ergriffener Ehrfurcht, die auf das letzte Stück Brot verzichtet und ihren Kindern und Enkelkindern gegeben haben, damit diese überleben - und selbst an Hunger und Entbehrungen gestorben sind. Euer Beispiel ist uns Auftrag und Pflicht!”

  • Wir erinnern uns aller, die sich nach der Flucht eine neue Heimat aufgebaut haben und an Krankheiten und vor Entkräftung gestorben sind. Wir rufen: “Euch danken wir, dass Ihr uns ein neues Zuhause aufgebaut habt, dass Ihr uns eine Heimat geschenkt habt, in der wir glücklich sein können. Euer Tod war der Samen für unser Gedeihen!”

Oftmals wird die Frage in den Raum gestellt: Trugen etwa die Donauschwaben selbst Schuld an ihrem Schicksal? Diese Frage läßt nur eine einzige Antwort zu: Warum in aller Welt, just in der Mitte des 2O.Jahrhunderts, hätte diese große Volksgemeinschaft nicht mehr friedlich nebeneinander mit anderen Völkern leben können, wo sie doch genau 200 Jahr lang hindurch in Frieden und gegenseitiger Achtung gelebt hat? Dieser Konflikt, der zum Völkermord an den Donauschwaben geführt hat, war ein Konflikt der Weltpolitik, der Weltanschauungen und der Ideologien.

Die Donauschwaben sind - ob in Freude oder Leid - wie Kerzen, die nebeneinander stehen und brennen: manche stehen aufrecht, manche sind zum Teil abgebrannt und manche sind geknickt, weil sich das stützende Wachs verlaufen hat. Aber allen ist eines gemeinsam: Die Flamme einer jeden Kerze brennt vertikal nach oben - zu Gott! Dort ist ihre Richtung. Und so dürfen wir am Ende unserer Betrachtungen beten:

Wir anerkennen und respektieren die Anliegen und Ansprüche aller Menschen, soferne sie sich in ein kultiviertes christliches Weltbild eingliedern lassen. Wir wollen in Frieden mit allen leben. Aber gleichzeitig erwarten wir, dass die Welt die Stationen unseres Leides wahrnimmt, unsere Toten, die Opfer einer grausamen Diktatur, anerkennt. Wir erwarten ferner, dass die Welt einsieht, dass unsere Opfer zwar sinnlos, aber nicht umsonst waren, und dass die Wahrheit von zeitgeistigen Historikern nicht aus den Schulbüchern unserer Kinder hinausredigiert wird.

  • Unsere Botschaft ist Verzeihung und Friede,
  • unser Wille ist Freiheit und Unabhängigkeit,
  • unser Sinnen ist Mitleid und Mitgefühl,
  • unsere Bindung heißt Gott und die Religion,
  • unsere Zukunft und Perspektive heißt Familie und
  • unser Ziel heißt Zufriedenheit und Freude!”

Fürbitten anlässlich der Gedenkandacht am 6.November 2005

  1. Nach dem erduldeten Leid am Ausklang des Krieges hat unser Volk in Österreich und in vielen Ländern der Erde eine neue Heimat gefunden, die wir lieben und die uns Geborgenheit gibt.
    • Mögen die nachfolgenden Generationen dieses Geschenk schätzen und die Liebe zur Familie an ihre Nachkommen weitergeben!
  2. Wie anders ist doch alles im Vergleich zu früher! Alles hat sich gewandelt und geändert.
    • Herr, gib uns den richtigen Blick und die Erkenntnis, auch in der Veränderung Positives und deinen Willen zu erblicken!
  3. Wir standen einst wie ein Schilfrohr im Wind zwischen den Einflußsphären zweier Ideologien und landeten - unserer Heimat beraubt - als Treibgut und Müll der Politik in der Fremde. Doch wir müssen bekennen, daß Gott seinem Volk, das in der Not innig zu ihm rief und auf ihn baute, auf allen Wegen beim Neubeginn in der neuen Heimat ein verläßlicher Beschützer war.
    • Herr, laß uns deine Gnade niemals vergessen!
  4. Wir haben selbst hautnah miterlebt, wie eine gottlose Politik aus friedlichen Menschen reißende Wölfe macht. Wir haben auch in jüngster Zeit gesehen, wieviel Leid Menschen auf der Welt erdulden müssen.
    • Herr, gib den Menschen die klare Erkenntnis und Einsicht, daß der Weg zum Heil und zum Frieden nur über deine Botschaft und deine Wahrheit führt!
  5. Viele Menschen sind auf der Flucht und werden für Taten verfolgt, die sie nicht begangen haben und für die sie keine Verantwortung tragen.
    • Herr, laß die Menschen in geistiger und materieller Freiheit leben und gib allen das Empfinden, daß wir Gäste auf Erden sind, und laß uns in geschwisterlicher Eintracht miteinander umgehen! 
  6. Das Land unserer Vorfahren ist getränkt mit dem Blut unschuldiger Menschen.
    • Herr, gib den Opfern deinen Frieden und schenke uns allen den Willen zum Mitleid für alle, die in Not sind, und die Gnade des Verzeihens!