60 Jahre Donauschwaben in Österreich

Predigt von Kardinal Dr. Christoph Schönborn am 7. November in der Augustinerkirche

Gelobt sei Jesus Christus!

Liebe Mitbrüder im Bischöflichen-, Priesterlichen- und Diakonatsdienst, Herr Superintendent, verehrter Herr Nationalratspräsident, Vertreter des öffentlichen Lebens und unserer Nachbarländer, liebe Heimatvertriebene, Donauschwaben und aus anderen Teilen Europas! Und liebe Kinder der Vertriebenen, die hier mit uns Vertriebenen eine neue Heimat gefunden haben.

Es ist mir eine besondere Ehre mit Ihnen allen heute zusammen Eucharistie zu feiern, das Geheimnis unseres Glaubens. Um dieses Geheimnis versammeln wir uns, hier im Angesicht der Kreuze, deren Namen für viele ganz konkrete schmerzliche und zum Teil ganz schreckliche Erinnerungen verbinden. Im Angesicht des Kreuzes Christi dessen Vergegenwärtigung wir jetzt in der Eucharistie feiern, “Deinen Tod, o Herr, verkünden wir”. Aber wir bleiben dabei nicht stehen, wir verkünden auch seine Auferstehung und bekennen sie gläubig in Erwartung und voll Sehnsucht seine Wiederkunft. In der Eucharistie - in diesem Jahr der Eucharistie, das der Hl. Vater ausgerufen hat - sammeln wir uns um Sühne, Fürbitte und Dank zu feiern. Sühne wider Härte, es gibt keine größere Sühne, als die, die er für uns alle am Kreuz getan hat. Vergebung, er hat sie uns gewährt, Versöhnung, er hat sie für uns möglich gemacht. Und schließlich Dankbarkeit, Danksagung in der Eucharistie für alle empfangenen Gnaden.

Liebe Brüder und Schwestern, es ist nicht meine Aufgabe in dieser Predigt die Geschichte, ob im Einzelnen oder auch im Ganzen, in Erinnerung zu rufen. Es ist uns allen, die direkt und indirekt von der Heimatvertreibung betroffen sind, gegenwärtig. Aber die Worte der Hl. Schrift sollen uns Wegweisung sein, sie sollen uns den Weg in die Zukunft weisen. Den Weg, den die Kinder, die neue Generation, gehen werden, wenn sie diesen Weg im Glauben gehen. So ist mein erstes Wort bevor wir in die Hl. Schrift eintreten das, was der Apostel Paulus den Thessalonikern sagt, das möchte ich heute Ihnen sagen: “Jesus Christus, der uns seine Liebe zugewandt hat und uns ewig Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat, tröste, gebe Euch Kraft zu jedem guten Werk und Wort. Das ist meine Bitte, dass alle Herzen, die noch nicht getröstet sind, über den Schmerz der Heimatvertreibung von Jesus Christus Trost empfangen und Kraft zu jedem guten Werk. Ich darf an dieser Stelle auch als Bischof dieser Diözese ein ganz großes Wort des Dankes sagen für all das, was die Heimatvertriebenen in unserem Land für die Kirche bedeuten. Wie viel Kraft zur Verkündigung des Wortes, wie es Paulus sagt, von ihnen ausgegangen ist. Durch ihren Mut, ihre Glaubenstreue, durch ihre Liebe zur Kirche, ihr Zusammenstehen, wie viel haben sie nicht nur zum Wiederaufbau unseres Landes beigetragen, sondern zum Leben der Kirche.

Mit großer Dankbarkeit nehme ich das heute in die Eucharistie hinein. Freilich, das heutige Evangelium und die heutige Lesung aus dem Alten Testament weisen uns noch in eine weitere Dimension und in die wollen wir ein wenig hineinleuchten. Es ist nicht von uns ausgewählt, sondern das Wort Gottes für den heutigen Tag. Die Geschichte von den Märtyrern der Makkabäer. Wir haben nur eine ganz kurze Zusammenfassung gehört von dem, was im zweiten Buch der Makkabäer ausführlich über das Martyrium der sieben Brüder und ihrer Mutter geschrieben steht. Für viele von Ihnen klingt es wie eine Familienerinnerung. Diese grausame, unvorstellbar grausame Folter, der diese sieben Brüder und ihre Mutter unterzogen wurden. Aber was uns die Hl. Schrift durch das Zeugnis dieser Märtyrer sagen will, ist ein Zweifaches.

Das erste: Sie bleiben im Glauben stark. Sie lassen sich nicht erschüttern im Glauben. Ich denke, wenn es schon damals Märtyrer gegeben hat, so können wir das in unvergleichlicher Weise auch im 20. Jhdt. sagen. Der Hl. Vater hat im Jubiläumsjahr 2000 eine große Feier in Rom veranstaltet zu der alle christlichen Kirchen eingeladen waren, um der Blutzeugen des Glaubens im 20. Jhdt. zu gedenken. Es ist vielleicht die tiefste Quelle noch unserer Verbundenheit. Unsere Brüder und Schwestern anderer christlicher Kirchen und Konfessionen, die im 20. Jhdt. wie die zahllosen Katholiken ihr Leben für Christus, für den Glauben hingegeben haben. Leider ist das große Projekt eines Martyrologiums des 20. Jhdts. noch lange nicht abgeschlossen. Manche Kirchen haben damit begonnen. Wir haben in Österreich drei Bände über die Blutzeugen des 20. Jhdts. veröffentlicht und sind uns bewusst, das ist nur ein kleiner Ausschnitt. In Deutschland hat man die Biografien von 700 Glaubenszeugen veröffentlicht. In Rom hat man die Glaubensopfer der Ideologien des 20. Jhdts. gesammelt - und bei 20.000 hat man aufgehört. Und es ist erst ein kleiner Anfang. Es sind Millionen, die letztlich wegen ihres Glaubens ihr Leben gelassen haben. Als Folgen gottloser, menschenfeindlicher Ideologien. Aber das Makkabäerbuch ist der erste klare Zeuge im Alten Testament von einem unerschütterlichen Glauben an die Auferstehung. Die sieben Brüder bekennen einer dem anderen: “Du kannst uns das irdische Leben nehmen, das ewige kannst du uns nicht nehmen”. Kein Tyrann kann das Leben, das Gott geschenkt hat, töten.

Der Glaube an die Auferstehung der Toten ist gewachsen, aus dem Martyrium dieser mutigen Bekenner. Wenn Jesus uns im Evangelium heute den Glauben an die Auferstehung nahe bringt, dann ist das die Frucht dieser Märtyrer, die den Glauben an die Auferstehung der Toten in Israel so richtig erst geweckt haben. Der Glaube an die Auferstehung - Gott ist nicht ein Gott der Toten, für ihn sind alle lebendig. Brüder und Schwestern, ist das nicht das schönste Wort, das wir heute als Trost und auch als Dank an Gott über diese ganze Feier stellen können, das letzte Wort des heutigen Evangeliums. Für Ihn sind alle lebendig.

Ein letztes: Die Makkabäerbrüder haben dem König Antiochus, der sie foltern und töten ließ, das Gericht Gottes angedroht. Zu Recht. Wir erwarten aber auch, dass er gesagt hat: Schuld muss gesühnt werden. Wir als Christen bekennen Schuld. Darum sind wir hier zur Eucharistie. Schuld wurde gesühnt. Christus hat sie gesühnt. Christus hat selbst die Schuld der Mörder gesühnt. Brüder und Schwestern, ich weiß, diese Frohbotschaft ist auch eine schwere Botschaft, aber sie ist auch eine starke Botschaft. Christus hat gesühnt. Deshalb glauben wir, dass das Opfer derer, die unschuldig umgebracht, gefoltert und getötet wurden, dass die es sind, die einmal, vielleicht jetzt schon, verbunden mit dem Opfer Christi für die Täter eintreten vor Gott, dass Gott, der das Unrecht hasst, das Unrecht vergibt, das uns, unseren Vorfahren, unseren Verwandten geschehen ist, er allein ist es, der vergibt. Aber wir können nur Sühne erbitten. Wir können, das Unrecht, das uns geschehen ist, zum Segen machen, dass solches nicht mehr geschieht, dass die, die solches getan haben, vor Gottes Angesicht Vergebung finden.

Liebe Brüder und Schwestern, ist das nicht doch letztlich die schönste Hoffnung, der größte Trost, dass einmal alle Tränen abgewischt und auch das unfassbare Böse, das geschehen ist, von Gott vergeben werden kann? Was unserem Herzen nicht möglich ist, aber was seine Gnade kann. Darum beten wir in dieser Eucharistie, darum feiern wir das Sühneopfer Christi in der Eucharistie und bekennen seine Auferstehung, er ist ein Gott der Lebenden, für ihn sind alle lebendig.

Gelobt sei Jesus Christus!